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Wie der Weltfrauentag in der amerikanischen Textilindustrie begann

Wie der Weltfrauentag in der amerikanischen Textilindustrie begann

Frauen in der Modeindustrie

Seit das Thema Feminismus vor einigen Jahren lauter und sichtbarer wurde, ist die Modeindustrie gerne bereit, Meinungen und politische Äußerungen von Frauen für jede(n) sichtbar auf T-Shirts, Pullover oder Jutebeutel zu drucken. Dabei zeigt die Geschichte, dass die Modeindustrie eigentlich seit Jahrhunderten davon lebt, Frauen zu unterdrücken. In unserem Blogbeitrag werfen wir einen Blick auf die Geschichte der Frauenbewegung und fragen uns, wie es dazu kam – und was das mit uns zu tun hat.

Flammen und Streik: Die Anfänge

Niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, keine Schutzgesetze: Am 8. März 1908 beschlossen die Arbeiterinnen einer New Yorker Textilfirma für bessere Arbeitsbedingungen zu streiken. Der Fabrikleiter schloss die Arbeiterinnen daraufhin in seiner Fabrik ein, die aus unerfindlichen Gründen wenige Stunden später in Flammen aufging. 129 Arbeiterinnen starben an diesem folgenschweren Tag. 

Der erste Frauentag der Geschichte

Ein Jahr darauf gingen erneut zahlreiche Frauen auf die Straße. Der traurige Anlass diesmal: die Opfer zum Jahrestag des Unglücks zu würdigen. Der achte März sollte später zum Datum des ersten Frauentags der Geschichte werden. Als zwei Jahre später wieder eine Textilfabrik in New York brannte, zählten vor allem Minderjährige zu den Opfern, die dort unter unmenschlichen Bedingungen genäht hatten. Schreckliche Bilanz: 149 Tote. Die Bilder der in Flammen stehenden Mädchen, die versuchten, sich zu retten, indem sie aus dem achten Stock sprangen, müssen furchtbar gewesen sein. Anklänge an die großen Tragödien unserer Zeit werden wach. Doch es war ein Unglück, das hätte verhindert werden können. Denn in einer Zeit, als gesetzliche Vorgaben zum Schutz von ArbeiterInnen praktisch nicht existierten, war es an der Tagesordnung, die Ausgänge von Fabriken zu blockieren. Der Grund: Man fürchtete Diebstähle von Waren durch die MitarbeiterInnen.

Internationale Frauenbewegung im Schatten der Diktatur

Noch im selben Jahr Jahr entstand unter Federführung von Clara Zetkin, einer bedeutenden Politikerin und Frauenrechtlerin, der erste internationale Frauentag. Ins Leben gerufen wurde er von der deutschen und internationalen Frauenbewegung. In den USA und vielen Ländern Europas gingen die Frauen auf die Straße. Ihre Forderungen: Wahlrecht, gerechter Lohn, kürzere Arbeitszeiten und Sicherheit am Arbeitsplatz.

1919 schien wenigstens eines ihrer Ziele erreicht: im Deutschland der Weimarer Republik durften Frauen endlich wählen. Die Zahl weiblicher Angestellter stieg. Doch der Erfolg währte nicht lange. Denn das Land rückte in Richtung Diktatur, und der Aufstieg der NSDAP und die dazugehörige nationalsozialistische Ideologie ihrer Machthaber drehten die Erfolge der Frauenbewegung komplett zurück: Frauenverbände und Organisationen wurden zwangsaufgelöst. Die Frauenbewegung, hieß es, sei eine jüdische Idee. Frauen wurden aus höheren Positionen verdrängt. Begrenzungen bei Einschreibungen an den Universitäten machten es Frauen sehr schwer, zu studieren.

Erst nach Kriegsende entstanden wieder neue Frauenorganisationen. Sie wollten sich am Wiederaufbau beteiligen, denn ihren führenden Köpfen nach war ein demokratischer Staat ohne Gleichberechtigung undenkbar.

Gleichberechtigung als Grundsatz von Demokratie

1949 erreichte die Abgeordnete Elisabeth Selbert unter massiven Protesten die Aufnahme des Satzes „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ ins Grundgesetz.

Im Laufe der Jahre organisierten sich Frauen weiter und kämpften für ihre Rechte. Doch nach der Wiedervereinigung 1989 trafen zwei unterschiedliche Frauenbilder aufeinander. Einerseits die Frauen der DDR, die dank eines flächendeckenden Hort- und Kindergarten-Netzes neben häuslichen Verpflichtungen wie selbstverständlich arbeiten gingen, andererseits die westlichen Frauen, die hauptsächlich Kinder erzogen und den Haushalt erledigten.

1994 fand der erste gesamtdeutsche Frauentag nach der Wiedervereinigung statt. Frauen protestierten für Gleichberechtigung, für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie für gerechtere Bezahlung. Die Frauenbewegung institutionalisierte sich weiter und feierte Erfolge – von denen manch einer aus heutiger Sicht schockierend selbstverständlich klingt. Eine besonders denkwürdige Errungenschaft war, dass Vergewaltigung in der Ehe ab 1997 als strafbar galt. Das ist bezeichnend für den Nachholbedarf, der in der bundesdeutschen Demokratie in Sachen Frauenrechte seit jeher herrscht.

Der Weltfrauentag hat seit einigen Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. Unter anderem mag das mit der Wahl des US-Präsidenten Donald Trump zusammenhängen, der sich mehrfach sexistisch äußerte und unter dem vielfachen Vorwurf sexueller Belästigung steht. Trump ist vielleicht nur das Symptom einer Zeit, in der sexuelle Gewalt, Ausbeutung und Sexismus immer offener zutage treten, ans Licht gebracht von denjenigen, die ihrer Empörung durch Initiativen wie ‘MeToo’ Ausdruck verleihen. Die heutigen Debatten zeigen ein berechtigtes Verlangen nach Aufklärung im Kampf gegen Unterdrückung und Sexismus generell. Frauen in westlichen Ländern kämpfen immer noch um Lohngleichheit, Frauengruppen müssen sich weiterhin gegen restriktive Abtreibungsgesetze zur Wehr setzen. 

Viel erreicht und nichts gewonnen?

Seit 2019 steht der Weltfrauentag in Berlin als offizieller Feiertag im Kalender. Trotzdem hat sich für viele Frauen auf der Welt in den letzten 100 Jahren verhältnismäßig wenig geändert. Ganz besonders betrifft das die Bekleidungsindustrie. Näherinnen in Bangladesh, von unmenschlichen Arbeitsbedingungen heute so betroffen wie ihre New Yorker Vorgängerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts, sind die Opfer einer Entwicklung, die mit dem globalisierten Wirtschaftssystem zusammenhängt. 

Denn was in Bangladesh passiert, geht heute auch KonsumentInnen hierzulande an. Deutsche Unternehmen verlagern ihre Produktion in den asiatischen Raum, um konkurrenzfähig zu bleiben. Fast Fashion und Billigpeise aus dem Ausland zwingen dazu, mitzuhalten, um am Markt überleben zu können. 

Es sieht so aus, als hätte Deutschland seine Sache – zumindest im wirtschaftlichen Sinne – gut gemacht: Das Land ist fünftgrößter Exporteur von Erzeugnissen aus der Textil- und Bekleidungsindustrie. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts, als die britische Textilindustrie zur größten Konkurrenz auf dem europäischen Festland heranwuchs, behaupteten sich deutsche Betriebe erfolgreich. Die Entwicklung des Webstuhls und später der Waschmaschine trugen dazu bei, dass etwa in Niedersachsen ein wahrer Textil-Hotspot entstand.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929, gefolgt vom 2. Weltkrieg, zwang viele Firmen in die Knie. Die Nachfrage nach Textilien sank drastisch. Doch in der Nachkriegszeit wurde es nicht besser. Die Textilbranche verlor weiter an Bedeutung, diesmal jedoch vor dem Hintergrund vereinfachter Importe aus dem Ausland. 

Bangladesch and beyond

Heute werden in Deutschland insgesamt circa 35 Milliarden Euro pro Jahr mit dem Verkauf von Kleidung erwirtschaftet, 15 Milliarden mehr als in der Fleischindustrie. Die Produktion übernehmen Fabriken im Ausland, wie etwa in Bangladesch. Dort müssen TextilarbeiterInnen bis spät in die Nacht arbeiten, Toilettengänge werden streng überwacht, sodass Angestellte nichts trinken. Bei Fehlern drohen Strafen, im schlimmsten Fall die Kündigung, was ohne sonstige soziale Absicherung für die meisten eine Katastrophe bedeutet. Zudem können die meisten ArbeiterInnen ohne Arbeitsvertrag keinerlei Rechte für sich geltend machen.

1994 wurde erstmals ein Mindestlohn in Bangladesch eingeführt. Nach erbitterten Protesten wurde dieser im Jahr 2010 geringfügig angehoben. Doch der Einsturz etwa des Fabrikgebäudes Rhana Plaza im April 2013 zeigt: Die Forderungen nach mehr Sicherheit in der Textilindustrie sind dringender und nötiger als je zuvor. Eine Anhebung des Mindestlohns ändert daran nichts, zumal viele NäherInnen mangels Arbeitsvertrag nichts davon haben. Einem Bericht der Clean Clothes Campaign zufolge zahlen nur zwei von 45 internationalen Bekleidungsunternehmen ansatzweise einen existenzsichernden Mindestlohn.

Wer in Bangladesch auf die Straße geht, um sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung zu wehren, muss mit gewaltsamer polizeilicher Unterdrückung rechnen. Erst seit Kurzem ist es dort erlaubt, eine Gewerkschaft zu gründen, ohne dafür auf die Erlaubnis des Arbeitgebers angewiesen zu sein.

Was bleibt, ist ein Paradox: Wir kämpfen um die Rechte von Frauen, setzen uns mit “the future is female”-Parolen ein für gleiche Löhne, Geschlechtergerechtigkeit und ’Female Empowerment’, während die Shirts, auf denen diese Leitsätze stehen, von ausgebeuteten Frauen genäht werden, die unterhalb des Existenzminimums leben. Frauen, deren Proteste von Gewalt erstickt werden. Ihre Forderungen sind immer noch dieselben, die vor mehr als 100 Jahren die Geburt der Frauenbewegung in der Modeindustrie untermauerten: bessere Bezahlung, mehr Sicherheit am Arbeitsplatz, kürzere Arbeitszeiten. 

Zumindest einen kleinen Lichtblick gibt es, der zum Abschluss nicht unerwähnt bleiben darf: Seit ein paar Jahren wird auch in Bangladesch teils faire Mode produziert. Doch sollte man dies mit dem umfassenden Bewusstsein betrachten, dass es zuletzt auf uns alle ankommt – die Modemarken und die KonsumentInnen, die entscheiden, ob die jahrhundertealten Forderungen von Frauen in der Modeindustrie weltweit erhört werden oder nicht.

 

Buchempfehlung: Wer sich weiter ins Thema einlesen möchte, dem empfehlen wir das Buch Fashionopolis – the price of fast fashion and the future of clothes von Dana Thomas. Es ist 2019 bei Penguin erschienen.

 

Quellenangaben

1* https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/35296/ungleiche-schwestern

2* https://www.zeit.de/kultur/2019-10/fair-fashion-nachhaltige-mode-textilindustrie-bekleidung/komplettansicht

3* https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-04/bangladesch-rana-plaza-arbeitsbedingungen-gewerkschaften-sicherheit-fuenf-jahre

4*Firmencheck 2019: Existenzlöhne in der globalen Modeindustrie, Seite 4: https://cleanclothes.at/media/filer_public/fa/fb/fafbbd5a-1357-4fbe-ab64-e059b784c9b9/report-firmencheck2019_cck_d_def-high_web.pdf

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